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Vom lustvollen Umgang mit der MachtEx-Grünen-Chefin Regina Michalik hat einen Karriereratgeber speziell für Frauen geschrieben
Als Regina Michalik im Frühjahr 2003 ihren Abschied als
Landesvorsitzende der Berliner Grünen nahm, tat sie es ohne großes
Bedauern. "Man kann es nur begrenzt aushalten, ständig Meckerecke und
Schuttabladestelle für alles und jeden zu sein", gab sie bei ihrer
Abschiedrede zu Protokoll. "Die vier Jahre haben Spaß gemacht - aber
jetzt soll es mal jemand anders machen." Mit ein bißchen Abstand fügt
sie heute hinzu: "Es wird im Politikgeschäft zu wenig Anerkennung
gezeigt. Das wollte ich mir nicht mein ganzes Leben lang antun."
Die Diplom-Psychologin wechselte die Seiten, gründete in Kreuzberg die
Beratungsfirma "interchange" und arbeitet seither als Mediatorin und
Coach. Aus ihren Erfahrungen und vielen Gesprächen mit erfolgreichen
Frauen aus Wirtschaft und Politik hat Michalik jetzt zusammen mit der
Leipziger Sozialwissenschaftlerin Ulrike Ley ein Buch gemacht:
"Karrierestrategien für freche Frauen". Das Ziel: "Wir wollen Frauen
zur Lust am Erfolg ermutigen".
Denn Frauen seien zwar nachweislich leistungsstark und kompetent -
"aber die Fähigkeit, sich selbst in den Vordergrund zu stellen und zu
verkaufen, daran mangelt es vielen", sagt Regina Michalik. Sie ahnt
inzwischen, daß ihr die so gewonnene Erkenntnis damals bei ihrer Arbeit
als Parteichefin hätte helfen können. "Ich hätte wahrscheinlich meine
Erfolge mehr herausstellen sollen. Das haben andere besser gekonnt. Und
das könnte ich auch heute besser."
Denn Frauen, das bestätigen fast alle der prominenten
Interviewpartnerinnen des Autorinnenduos, tappen immer noch viel zu
häufig in die Bescheidenheitsfalle. Während sie darauf warten, daß ihre
Leistung schon irgendwie entdeckt wird, schildern Männer ihre
Verdienste und Fähigkeiten in den blumigsten Worten. Oder, wie die
Unternehmensberaterin Gertrud Höhler treffend formuliert: "Der Zwerg
wirft den Schatten eines Riesen - und hat den Job."
Um erfolgreich zu sein, müßten Frauen vor allem bereit sein, sich in
Konkurrenz und Konflikte zu begeben, sagt Michalik.
"Kokon-Karriere-Prinzip", Konkurrenz und Konflikt, haben die Autorinnen
ihre Strategie deshalb genannt. "Karriere machen ist durchaus auch
Kampf", sagt Michalik. "Man muß sich Angriffen entgegenstellen und
seine eigene Meinung durchsetzen. Davor haben viele Frauen Angst."
Zwei weitere Aspekte legen die Autorinnen in den Begriff "Kokon", den
sie sich - ganz machtbewußt - urheberrechtlich haben schützen lassen.
Der Kokon als Sinnbild für Veränderung - die Metamorphose von der Raupe
zum Schmetterling - und als Schutzhülle: "Vielen leistungsorientierten
Frauen fehlt einfach die Fähigkeit, abzuschalten", sagt Michalik. "Sie
stehen vom Rollenverhalten her unter einem besonderen Streß. Eine gute
Managerin muß gleichzeitig immer auch noch eine attraktive Frau sein,
eine gute Gastgeberin, Hausfrau, Mutter und Ehefrau". Die eierlegende
Wollmilchsau eben.
Heide Simonis, die langjährige Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins,
hat das humorvoll einmal so formuliert: "Für Männer wächst mit der
Macht noch die Chance, geliebt zu werden, vielleicht nicht von anderen
Männern, die respektieren oder fürchten sie eher, aber dafür von
Frauen, die dazu neigen, Macht an Männern erotisch zu finden. Mächtige
Frauen aber werden keineswegs mehr geliebt. Sie müssen sich im
Gegenteil gewaltig anstrengen, damit sie trotz der Macht noch attraktiv
wirken." Soweit Simonis, die am Ende, wie viele Männer, von der Macht
nicht lassen konnte.
Ein larmoyantes Jammerbuch ist Leys und Michaliks Werk, trotz dieser
durchaus niederschmetternden Fakten, dennoch nicht geworden. Im
Gegenteil: Die Autorinnen plädieren für einen durchaus lustvollen
Umgang mit der Macht und ihren Insignien - inklusive der Statussymbole
wie Chauffeur, Sekretärin, Büro, Möbel, Visitenkarten. "Statussymbole
haben viel mit Bequemlichkeit zu tun, es ist einfach eine
Arbeitsentlastung, wenn ich ein eigenes Büro habe und eine Sekretärin,
die mich abschirmt", sagt Regina Michalik. "Wir raten Frauen aber auch
deshalb dazu, weil sie sonst vielleicht unterschätzt werden.
Statussymbole bewirken auch ein entsprechendes anerkennendes Verhalten
der anderen Menschen - darum sind sie so wichtig."
Ein großes Kapitel haben die Autorinnen auch dem Thema Gefühle
gewidmet. Der wichtigste Tip: Den "Emo-Faktor" durchaus in sein Handeln
einbeziehen, aber immer die Fassung bewahren. "Wir sollten Gefühle
gezielt einsetzen, um uns durchzusetzen - so wie es Männer ja auch
machen. Aber weinen in der Öffentlichkeit? Nein, solche Bilder sind zu
mißbrauchen. Man sollte nicht die Klischees bedienen; "Frauen, die
weinen, gelten als labil", meint Katrin Göring-Eckardt, grüne
Bundestagsvizepräsidentin.
Als sie kürzlich bei der Wahl zur Fraktionsvorsitzenden in einer
Kampfabstimmung unterlag, gelang ihr das mit großer Mühe - und
männlichem Beistand. Ein Mitarbeiter war nach Ende der Sitzung
vorausgegangen und hatte sich in die Lichtschranke des Aufzugs
gestellt. Grünen-Patriarch Joschka Fischer schlenderte betont lässig
auf die wartende Presse zu und zog die Kameras auf sich. Und
Göring-Eckardt? Sie nutzte den Rummel, um schnell in den
offengehaltenen Aufzug zu huschen. Sabine Höher Artikel erschienen am 23. Oktober 2005 |
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